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| Zeitzeugen E. Castonier: Stürmisch bis heiter. Memoiren
einer Außenseiterin, München 1964 "Ich ging mit Ines zum Opernplatz, denn dergleichen
sieht man nur einmal im Leben - und außerdem war es gut, Zeuge
gewesen zu sein. Menschenmassen strömten die Linden entlang. Musikkapellen
spielten, es herrschte Feiertagsstimmung. Fackelzüge marschierten
auf, Studenten umstanden den Scheiterhaufen, warfen ihre Fackeln in
die Flammen, hochbeladene Lastwagen brachten Brennmaterial, die deutsche
Literatur. Zuerst kamen die Prominenten, später alles, was aus
Verlagen und Buchhandlungen an verbotenen Schriften abgeholt worden
war. (...) Ein Sprecher schrie den Namen des Autors: "Ich übergebe
den Flammen die Werke von...". (...)
"Ich stand vor der Universität eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte. Es war widerlich. (...) Die Bücher flogen weiter ins Feuer. Die Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners ertönten weiterhin. Und die Gesichter der braunen Studentengarde blickten, den Sturmriemen unterm Kinn, unverändert geradeaus, hinüber zu dem Flammenstoß und zu dem psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen. In dem folgenden Jahrdutzend sah ich Bücher von mir nur die wenigen Male, die ich im Ausland war. In Kopenhagen, in Zürich, in London. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine Bücher nie mehr in Buchläden zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlandes. Nicht einmal in der Heimatstadt. Nicht einmal an Weihnachten, wenn die Deutschen durch die verschneiten Straßen eilen, um Geschenke zu besorgen. Zwölf Weihnachten lang! Man ist lebender Leichnam." |
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