Ästhetik der Bücherverbrennung
In seinem Beitrag zur Enzyklopädie des Nationalsozialismus
beschreibt Winfried Ranke Adolf Hitlers Kapitel zur Kriegspropaganda
in Mein Kampf als “Meisterstück
psychologischer Erkenntnis”. Hitlers “verstreute
Anmerkungen zur Massenbeeinflussung, zur vorrangigen Bedeutung der Agitationsrede,
zur Gefühlsbezogenheit der Inhalte von Propaganda sowie zur Wirkung
von Symbolen und Inszenierungen” zeigen, wie “genau
Hitler die zweckgerichtete Kalkulierbarkeit der Manipulation von Massen
begriffen hatte. In Kundgebungen und großen Versammlungen sah
er Kampfplätze des Redners, dessen Auftritte als dramaturgisch
gegliedertes Politspektakel zu inszenieren waren.”
(Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie
des Nationalsozialismus, München 1998, S. 34f.) In gleichem Maße,
wie es erklärte Strategie war, Menschen zu entindividualisierten
und somit kontrollierbaren, in gläubiger Hingabe ihrem Führer
folgenden Mitgliedern des “Volkskörpers” zu machen,
galt es genau zu diesem Zweck, vorhandene Ressentiments zu verstärken
und neue zu begründen: Intendiert war es, Feindbilder zu schaffen,
welche die ausgerufene Erneuerungsbewegung konzentrieren sollten. Diese
Strategie der Massensuggestion findet sich schon in den Empfehlungen
aus Hitlers genanntem Frühwerk, nach denen es galt, “die
Aufmerksamkeit eines Volkes nicht zu zersplittern, sondern immer auf
einen einzigen Gegner zu konzentrieren.“ (Ranke, Enzyklopädie
des Nationalsozialismus, S. 41.)
Die wesentlichen Stilmittel, die den Erfordernissen der Massenbeeinflussung
genügen sollten, finden sich in der Inszenierung der Bücherverbrennung
vom Mai 1933 wieder. Hier wie bei allen öffentlichen Kundgebungen
unter der Regie der Nationalsozialisten war das Hervorrufen rauschhafter
Begeisterung für die nationalsozialistische Bewegung innerhalb
eines kollektiven Gemeinschaftserlebnisses kalkulierter Selbstzweck.
Völkische Symbole wie das Hakenkreuz, der Kontrast von Licht (Scheinwerfer,
Fackeln) und Dunkelheit (die Bücherverbrennung fand am Abend statt),
militärische Ordnung, Fahnenkult und sakrale Stille, die nur vom
Knistern des Feuers und den mit eindringlicher Lautstärke in die
Menge gerufenen Feuersprüchen unterbrochen wurde, bildeten die
Requisiten einer theatralen Inszenierung von Macht und Überlegenheit,
deren Dramaturgie und ästhetische Ausstattung sich sowohl an religiösen
und militärischen Traditionen als auch an Agitationsformen politischer
Gegner orientierte. So wesentlich Monumentalität und ein das verbindende
Gefühl des Auserwähltseins suggerierendes Pathos in der Ausstattung
waren, so wichtig waren einprägsame Einfachheit und aggressiver
Duktus der sprachlichen Vermittlung von nationalsozialistischem Gedankengut.
Die deklamierten Feuersprüche vereinigten die simple Logik der
nationalsozialistischen Diktatur: Wir und die Anderen, Freund und Feind,
Deutschtum und “undeutscher Geist”mit manipulierender
Sprache: ”Die LTI (Lingua Tertii
Imperii Sprache der Dritten Reiches) ist die Sprache des Massenfanatismus.
Wo sie sich an den einzelnen wendet, und nicht nur an seinen Willen,
sondern auch an sein Denken, wo sie Lehre ist, da lehrt sie die Mittel
des Fanatisierens und der Massensuggestion.” (Viktor
Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1978, S. 29.) Thomas
Mann bemerkte später in einer an die deutschen Hörer gerichteten
BBC Ansprache anlässlich des 10. Jahrestages der Bücherverbrennung,
“dass unter allen Schandtaten des
Nationalsozialismus, die sich in so langer, blutiger Kette daran reihten,
diese blödsinnige Feierlichkeit der Welt am meisten Eindruck gemacht
hat und wahrscheinlich am allerlängsten im Gedächtnis der
Menschen fortleben wird.”
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